Toleranztopographien: " White Spots"

 

 

Kontinuierliche Intervention rund um den Hohenschwangauplatz, München;

vom 23.9. bis 1.10.2006;Bewegungskernzeiten: täglich um 11 und 17 Uhr

Gesammelte Individuen
Parkperformance und Autoradiolesung.
In Zusammenarbeit mit neuroTransmitter.

Fr 29.09.2006, 19.00

 

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Ansatz

Das gegebene Feld in der äußeren Münchner Peripherie ist ein heterogenes Vorstadtgebiet. Zu den typisch peripheren Erscheinungen, Zeilenbauten und Einfamilienhäusern, mischen sich Gewerbekomplexe und kleine Geschäfte. Das Gefängnis Stadelheim und der Friedhof am Perlacher Forst bilden Inseln in dieser vorstädtischen Topographie. Riesige Infrastrukturtrassen durchschneiden das Gebiet und führen einen anderen Maßstab, eine andere räumliche Logik ein.
Neben diesen Schnitten dominiert das Gefängnis das Feld. Es verhält sich wie ein schwarzes Loch in der Topographie des Stadtteils. Die Mauer ist durch ihre Höhe und Perfektion eine absolute Ausgrenzung, die einzigen Verweise auf das innere Geschehen sind die Wachtürme. Aber auch diese sind durch die technoide modernistische Architektur fast vollkommen neutralisiert. Keine Schießscharten oder ähnliches sind sichtbar, die getönten schräg gestellten Glasscheiben sprechen von Überwachung, aber selbst die Wachposten bleiben unsichtbar. Die Perfektion der glatten, sich über Hunderte von Metern absolut gerade zwischen Wachtürmen aufspannenden Betonwände, erzeugt das Bild einer riesigen Maschine, deren Gehäuse keinerlei Rückschlüsse auf ihre innern Abläufe zulässt.


Die Haftanstalt stellt heute eine Institution der gesellschaftlich sanktionierten Exklusion dar, ein Aspekt, der in der Ortsterminreihe bereits von den Künstlern O.Ressler und M.Krenn aufgegriffen wurde. Das Gefängnis hat durch Ereignisse während der Nazi-Zeit und darüber hinaus einen besonderen historischen Gehalt: Hitler saß hier ein, Röhm wurde hier getötet, ebenso die Geschwister Scholl und andere Mitglieder der Weißen Rose; unter den Nationalsozialisten wurden hier über 1000 Menschen hingerichtet. Viele dieser Opfer sind auf dem benachbarten Perlacher Friedhof begraben. Neben dem Gefängnis wohnen Menschen in einer scheinbar normalen Parallelwelt in Häusern, deren Fenster auf die Gefängnismauern blicken. Uns interessiert dieser Kontrast, die Parallelität von Normalitäten mehr als die Auseinandersetzung mit dem System Gefängnis.

Urbanität und Toleranz

Die Stadt wird als ein privilegierter Ort der Ausübung von Toleranz verstanden. Die Anonymität, die sie gewährt, und die zwangsläufige Begegnung mit anderen sind die beiden Pole, zwischen denen Toleranz ausgeübt wird, welche aber auch eine Bedingung für urbane Koexistenz darstellt. Toleranz wird oft als eine Folge städtischer Sozialisierung gesehen oder als etwas uns natürlich Gegebenes, wobei beide Positionen von einer natürlichen Fähigkeit, unser Verhältnis zur Toleranz zu bestimmen, ausgehen. Uns interessiert nicht so sehr, was Toleranz ist, sondern wie sie funktioniert. An sich kann Toleranz nur funktionieren als Prozess oder Praktik der Akzeptanz von Differenz, oder 'Anderem’; d.h. sie beinhaltet ein aktives Moment der Definition der Differenz, was natürlich auch eine Eigenbestimmung, durch Assoziation mit Werten, Ideen etc voraussetzt. Insofern kann Toleranz als ein aktiver Prozess aufgefasst werden, in dem Differenz und Assoziation (Gemeinschaft) immer gemeinsam problematisiert werden. Als solche ist Toleranz nicht eine Eigenschaft, die man besitzt, sondern ein jeweils aktives Entscheiden, das Teil der Techniken des Selbst ist.

Verräumlichung von Differenz

Die Toleranz als eine spezifisch urbane Problematik erscheint Ende des neunzehnten Jahrhunderts, als die Stadt privilegierter Ort verschiedenster Wissensfelder wird. Die urbanen Strukturen und die Bevölkerung werden beschrieben, klassifiziert, und kategorisiert. Dadurch werden sie verstanden als ein eigenes Phänomen mit immanenten Prozessen und Regeln. Diese Überlappung von biologischem, politischen, sozialen und statistischen Wissen fördert ein biologisches Verständnis der Bevölkerung, zusammengesetzt aus Gruppen, mit ihren entsprechenden unterschiedlichen Verhaltensmerkmalen, Eigenschaften und Qualitäten – d.h. Differenz wird beschrieben und benannt. Die Entstehung von Stadtvierteln, differenziert nach Benutzungsform und Klasse, und die Entwicklung der Eugenik sind parallele Erscheinungen desselben urbanen Prozesses.

Anders formuliert, Segregation und die Idee der Gemeinschaft als Gegenmodell der modernen Entfremdung (Ferdiand Toennies) entstanden zur gleichen Zeit. Das Prinzip der Gemeinschaft oder Assoziation mit Gleichem als Voraussetzung für das Bestreben nach Toleranz, ist demnach kein gegebener Raum, in dem Individuen in ihren emotionalen Beziehungen des täglichen Lebens fixiert sind. Dem könnte man eine andere Perspektive entgegensetzen – die einer nicht determinierten und gegebenen, sondern situationsbedingt konstruierten Gemeinschaft. Aus dieser Perspektive kann Gemeinschaft verstanden werden als eine Reihe variabler Assoziationen und als Räume der Unbestimmtheit. Der erste Schritt zur Toleranz ist daher nicht so sehr die Entscheidung, dass man tolerant ist oder handelt, sondern ein experimenteller und reflexiver Entscheidungsprozess. Entgegen der Idee der essentiellen Zusammengehörigkeit (durch Klasse, ethnische Zugehörigkeit, Interessen, Nachbarschaft etc) könnte man Formen von fließenden und offenen Beziehungen stellen, die die Idee von Identität selbst infrage stellen, sei es individuell oder kollektiv.

[Bild rechts: Invasionsdiagramm]

Ideenentwicklung

Im Feld intervenieren. Wir beziehen uns auf die Empfindung der Fremdheit, des Fremdseins und die Bedingung, mit „dem Anderen“ direkt und massiv konfrontiert zu sein, aber über die Zeit hinweg einen blinden Fleck zu entwickeln, der eine neue Wirklichkeit konstituiert. Wir arbeiten mit Mitteln der Perspektivverschiebung, untersuchen Interventionsideen als temporäre Installation.

 

 

[Bild rechts: Invasion an Spot 1]


Invasion

Das Feld wird unterlaufen, übernommen, besetzt und temporär überformt. Das Mittel dieses Eingriffs ist eine Flotte von gleichfarbigen Pkws, die im Feld geparkt werden. Sie dringen von außen in das Feld ein, übernehmen die Parkplätze. Nach einer geplanten Choreografie bewegt sich diese neue Population über die Dauer der Intervention im Feld. Die Gesamtchoreografie arbeitet mit einem Repertoire von zeit-räumlichen Strategien von Eindiffundieren bis zur plötzlichen Überflutung.
Die Fahrzeuge werden von einer Gruppe gleich gekleideter Fahrer gesteuert. Ihr Umgang mit den Fahrzeugen folgt einem ebenso festgelegten Ritual. Sie nähern sich dem Fahrzeug, fahren es zu seinem nächsten Parkplatz und verlassen das Fahrzeug wieder, setzen ihren Weg zu Fuß fort.
Die Population der Gleichfarbigen wandert so durch das Feld, tritt an unterschiedlichen Orten in Erscheinung. Wie eine wandernde Wolke verdünnt und verdichtet sich die Invasion über Zeit und an unterschiedlichen Orten.

Zur Intervention

Die sukzessive und fluktuierende Besetzung des Viertels versucht eine doppelte Umkehrung von Identifikationen. Die Besetzung des Raumes durch ein alltägliches Objekt, das nur allmählich durch seine ‘Vermehrung’ (oder scheinbare Vervielfältigung) wahrgenommen wird, gewinnt einen bedrohlichen Charakter. Die allmähliche Wahrnehmung der Veränderung des Straßenbildes ist eine Unterbrechung des Alltäglichen. Die Folge ist nicht nur Befremdung und Verunsicherung, sondern auch eine Infragestellung der eigenen Identifikation.
Durch das Ereignis wendet sich diese Frage der Zugehörigkeit wieder. Die Wahrnehmung des Kunstwerks verstrickt den Betrachter in eine Serie von neuen Assoziationen: von der ästhetischen Erfahrung an sich, die abstrakt eine generelle Zugehörigkeit zu etwas Über- Individuellem darstellt, zu der realen Kollektivität, die sich zwischen den Akteuren der Intervention und den Betrachtern aufspannt, zu der Neudefinition der Identifikation mit dem Stadtviertel.


Die Oszillation zwischen Entfremdung, Bedrohung/Ausgrenzung, Teilnahme und Neuorientierung mit anderen und variablen Kollektivitäten kann als eine spielerische Auseinandersetzung mit dem Thema Toleranz, Ein- und Ausgrenzung gesehen werden. Der Ansatz soll als eine Aufforderung zum aktiven Prozess gesehen werden; nicht so sehr als etwas worauf man Zugriff hat, aber als eine Lebenspraktik, die sich gegen den Entwurf einer fixen Identität selbst stellt.

 

 

White Spots ist ein Projekt von
Markus Bader, Jan Liesegang | raumlaborberlin
und Katharina Borsi (London)


mit Frederik Kunkel, Christof Bedall, Iris Scherer, Katharina Rohde, Heike Pauketat, Trude Een Eide, Tibor Bartholomä, Niko Raulwing, Raphaela Sacher und Julia

Fahrerkleidung von Florinda Schnitzel


White Spots entsteht im Rahmen der Münchner „Ortstermine06“, einer Reihe künstlerischer Interventionen im öffentlichen Raum;
organisiert vom Kulturreferat der Stadt München. Kuratiert von Pia Lanzinger, Farida Heuck und Ralf Homann.


Zeitraum der Intervention: 23.09.06 - 01.10.06

Gesammelte Individuen
Parkperformance und Autoradiolesung.
In Zusammenarbeit mit neuroTransmitter.


Fr 29.09.2006, 19.00
Areal 1 - Spot 7: Stadelheimer Straße - Schwarzenbergerstraße - Traunsteiner Straße